Pocher, Pietätslosigkeit und die Verklärung der Geschichte

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Manchmal gibt es Geschichten, die durch die Medien geistern, die man am liebsten einfach ignorieren möchte, ihrer offensichtlichen Irrelevanz halber. Sie tauchen in den einschlägigen RSS-Feeds immer wieder auf, und Mal um Mal befiehlt ein Teil des Hirns dem anderen, dem Drang, sofort ein Blogposting zu verfassen, nicht nachzugeben, um dem Aufbauschen von Mücken zu Elefanten nicht selbst auch noch Vorschub zu leisten. Manchmal funktioniert das recht gut, manchmal aber auch nicht.

Oliver Pocher, semijugendlicher Sidekick des allem Anschein nach etwas in die Langweiligkeit Altersmilde abgedrifteten Harald Schmidt, zieht sich also am Donnerstag vergangener Woche eine Wehrmachtsuniform und eine Augenklappe über, um ein paar satirische Kommentare zum eben angelaufenen Hollywood-Blockbusterschinken “Operation Walküre” zu machen: “Mit dem Ersten sieht man besser”“… ein Film, der die Welt verändern wird: Viele werden sich freuen, vor allem mein Opa, dass er das noch einmal erleben darf”…

Meinetwegen kann man Pochers zahme Zoten nun witzig finden oder es bleiben lassen, aber George Carlin ist er nun nicht. Will heissen: was Pocher macht, bewegt sich, meint man zumindestens, auf einem ungefährlichen, eigentlich für jedermann verdaulichen Niveau, soll unterhalten und erheitern, beim besten Willen aber keine Tabus auf den Kopf stellen.

Das sieht der Rundfunkrat des Südwestrundfunks offensichtlich anders: “Was da wieder gelaufen ist, ist unsagbar pietätlos und ehrabschneidend“, sagte SWR-Rundfunkratsmitglied Therese Wieland den “Stuttgarter Nachrichten”. Und weiter: “…es ist nicht hinnehmbar, dass man den Helden des deutschen Widerstandes so ins Lächerliche zieht.

Mit Verlaub, ich hätte da einen Einwand. Die wahre Pietätslosigkeit und Ehrabschneiderei läuft hier auf einem völlig anderen Level ab: Stauffenberg als den Helden des deutschen Widerstandes zu bezeichnen ist ehrabschneidend gegenüber denjenigen, die die wahren Helden waren – Georg Elser etwa, oder die Geschwister Scholl. Menschen also, die ihr Leben dafür gegeben haben, das verbrecherische Nazi-System zu bekämpfen, nicht etwa, weil sie der Meinung waren, der Krieg sei nicht mehr zu gewinnen und Hitler ein lausiger Oberbefehlshaber. Nicht etwa, weil sie befürchteten, nach einem verlorenen Krieg würde Deutschland seine angestrebte Vormachtstellung und sie ihre militärisch-aristokratischen Privilegien aufgeben müssen.

Daß das Stauffenberg-Attentat mislang ist sicherlich mehr als bedauerlich. Im Falle des Erfolges wäre dabei allerdings auch nicht das herausgekommen, was uns die Stauffenberg-Fans weissmachen wollen – die Gruppe um Stauffenberg bestand aus Mitgliedern der adeligen Oberschicht, die keineswegs Verfechter der Demokratie waren, und einen Sonderstatus Deutschlands als durchaus vernünftige Forderung sahen.

Tut mir leid, aber so sehen Helden nun nicht aus, auch wenn sie, zwar aus den falschen Gründen, immerhin das Richtige zu tun versucht haben. Motivation sollte bei der geschichtlichen Bewertung durchaus ein Faktor sein.

Vincent Wilkie hat diesen tollen Beitrag verfasst. In seiner Freizeit ist er Musiker, Webdesigner und DJ.

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3 Kommentare

    Was willst Du jetzt damit sagen? Über die Geschwister Scholl und Georg Elser darf man keine Schoten machen, Über Stauffenberg aber schon? Woher nimmst Du dreimal gesalbter Spätgeborener Gutmensch eigentlich das Recht, im Nachhinein die gute und die weniger gute Motivation auseinander zu halten? Über Menschen, die sich in einer Diktatur gegen die Herrschenden stellen und dafür schlimm drangsaliert wurden oder gar sterben mussten, macht man keine Witze, Punkt, Ende.

    • Nein, da hast du mich falsch verstanden. Es geht nicht um die Schoten, die sind mir nämlich sowas von egal – meinetwegen können sich Schmidt & Pocher auch als Hans & Sophie Scholl verkleiden. Zudem hat ja Pocher keine Witze über Stauffenberg gemacht, eher hat er sich über den Film lustig gemacht.
      Was mich aber irritiert ist die Art und Weise, wie Stauffenberg zu dem grossen Helden des Widerstandes hochstilisiert wird. Die Leistung der Stauffenberg-Gruppe, immerhin etwas getan zu haben, wo Millionen andere entweder mitgemacht oder blöde zugeschaut haben, will ich nicht schmälern, aber heldenhaft ist es nun nicht unbedingt, erst etwas zu tun, wenn man bemerkt, daß der Krieg nicht mehr gewonnen werden kann.

    • Stauffenberg war ein Antisemit und Kriegsbefürworter. Es ist mitnichten verwerflich, nach den Beweggründen für den Widerstand zu fragen – und im Falle der Stauffenberggruppe war das leider lediglich Hitlers strategische Unfähigkeit, sein unzulänglicher militärischer Rang und seine bürgerliche Herkunft. Demokratie und Menschenrechte hatten die Herren vermutlich genauso wenig im Sinn wie Hitler selbst.
      Im Rahmen der Nachkriegsreinwaschung des deutschen Militärs (immer ehrenhaft und aufrecht) war natürlich eine Hochstilisierung eines preussischen Offiziers und Kriegshelden als DER Widerstandskämpfer mehr als willkommen.
      Zum Glück scheint die aktuelle deutsche Geschichtsaufarbeitung hinsichtlich Militär und Widerstand besser zu funktionieren als die amerikanische. Hacken zusammen, wegtreten.

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